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Im Reich der Steinböcke im Pitztal

Wild, steil und mit atemberaubenden Ausblicken. Das ist das Pitztal. Wir steigen leichten Schrittes der Rüsselsheimer Hütte entgegen. Das Zwischenziel ist von Beginn an im Blick.

Der Weg ist abwechslungsreich und der Blick zur gegenüberliegenden Talseite lässt bereits im Aufstieg erahnen, was uns auf unserem angepeilten Aussichtspunkt erwarten wird.

Aufstieg zur Rüsselsheimer Hütte, Blick auf die andere Talseite des Pitztal
Aufstieg zur Rüsselsheimer Hütte, Blick auf die andere Talseite des Pitztal

„Werden wir heute Steinböcke sehen?“ Benedikt Walser, unser Bergführer, will sich nicht festlegen. Das Wetter ist gut, die Temperaturen steigen. Die Tiere ziehen sich gerne in höhere Lagen zurück und bewegen sich am Tag eher ungern. Daher sind sie in den Graswannen und hinter den großen Felsblöcken der Geröllfelder nur schwer zu erkennen.

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Viele Male ist Benedikt schon hier herauf gestiegen. Aber nicht immer hat er Steinböcke angetroffen. „Aber es gibt sie“, versichert er uns.

Je höher wir steigen, desto kleiner werden die Dörfer im Pitztaler Talboden unter uns. Ein Tal geprägt von Landwirtschaft und Tourismus, wo Tradition und Familie noch einen sehr hohen Stellenwert haben. Ob der Bergführer-Beruf bei ihm Familientradition hätte, fragen wir Benedikt. Er verneint. Obwohl zwei seiner Onkel und sein Großvater ebenfalls Bergführer waren… „naja… vielleicht doch“.

Werden wir heute Steinböcke sehen?

Gestern haben wir ihn gesehen. Den Steinbock. Das Pitztaler Wappentier. Im Juni 2020 wurde das Steinbockzentrum in St. Leonhard im Pitztal eröffnet. Hier kann man den Tiere in einem Freigehege nahe kommen. Das „Haus am Schrofen“ beheimatet eine Ausstellung mit Wissenswertem über diese faszinierenden Tiere.

Das Haus ist zugleich eine Art Gedächtnis des Tales. Auf Fotografien, die Ende des 19ten und Anfang des 20ten Jahrhunderts im Tal entstanden, wird das Leben und das damalige Pitztal gezeigt.

Steinbock-Geißen im Freigehege im Steinbockzentrum im Pitztal
Steinbock-Geißen im Freigehege im Steinbockzentrum im Pitztal

Das angeschlossene Café ist ein Ort der Begegnung für Jung und Alt mit regionalen Leckereien. Aussicht ins Tal inklusive.

Über die Tiere erfährt man zum Beispiel wie das Alter bestimmt werden kann, wie und wo sie leben, wie sie sich ernähren und welche beeindruckende Fähigkeiten sie haben. Bis zu 4 Meter springen die Geißen hoch. Im Gegensatz zu ihren männlichen Gefährten haben sie nicht den Ballast des imposanten Horn. In den 1950er Jahren wurden die Tiere hier im Pitztal erstmals wieder angesiedelt.

Jenseits der 3000er

Wir laufen gemütlich und langsam der Rüsselsheimer Hütte entgegen. Und auch generell geht es im Bergsommer hier im Tal eher gemütlich und ruhig zur Sache. Das spürt man deutlich am Verkehr auf der Strasse, die von Imst her bis nach Mittelberg führt. Der meist begangene Weg dürfte der Europäische Fernwanderweg Nummer 5 sein, der hier im Pitztal die Braunschweiger Hütte als Ziel hat.

Alle anderen Wege kommen einem eher einsam vor. Und auch unsere Begegnungen sind an diesem wunderbarem Wochenendtag sehr spärlich.

Kurz vor der Rüsselsheimer Hütte
Kurz vor der Rüsselsheimer Hütte

Das Pitztal ist ein tief eingeschnittenes Tal. Schmal der Talboden. Steil die Wände, die sich links und rechts aufbauen und erst jenseits der 3.000-Meter-Marke enden.

Wir erreichen die Alpenvereinshütte auf gut 2.300 Metern Höhe. Ein weiter Kessel öffnet sich und gibt den Blick auf unseren weiteren Wegverlauf frei. Und auf die anderen Wege frei, die sich durch die mit Felsbrocken übersäte Wanne ziehen: Hohe Geige, über den Weißmaurachsee ins Ötztal, oder auf dem Mainzer Höhenweg hinüber zur Braunschweiger Hütte. Eisbegehung über den Puitkogelferner inklusive.

Die schönste Aussicht im Pitztal

Wir haben heute eine leichtere Route im Sinn. Wir lassen die Felswüste hinter uns und steigen in einem weiten Bogen hinauf zu unserem Ziel auf 2.647 Metern Höhe. Benedikt ist sich sicher: „Das ist die schönste Aussicht im gesamten Pitztal!“ Und tatsächlich. Der etwas vorgeschobene Aussichtspunkt Gahwinden, mit seinem kleinen Gipfelkreuz und der hölzernen Bank, bietet ein Berg-Tal-Panorama vom Feinsten.

Auf dem Weg zwischen Rüsselsheimer Hütte und Gahwinden
Auf dem Weg zwischen Rüsselsheimer Hütte und Gahwinden

Dank der exponierte, aber nie ausgesetzten Lage, kann man nahezu das gesamte Tal von Nord nach Süd überblicken. Ganz im Süden thront die schneebedeckten Wildspitze. Der höchste Berg Tirols. Aber auch die umliegenden Gipfel, mit ihren teils eisbedeckten Flanken, sind nicht minder schön und sehenswert.

Vom Pfeiffen der Murmeltiere begleitet, steigen wir zur Rüsselsheimer Hütte ab. Unsere Augen suchen in den Graswannen und dem Felsenmeer immer wieder nach dem König der Alpen. Doch der Steinbock lässt sich an diesem warmen Spätsommertag nicht blicken. Obwohl es im Naturpark Kaunergrat, das auch das Pitztal umfasst, etwa 1.200 Exemplare dieser majestätischen Tiere gibt. Heute haben sie keine Lust auf eine Audienz.

Tradition ist Familiensache

Auf der Rüsselsheimer Hütte serviert Hüttenwirt Florian feine Tiroler Spezialitäten. Nach 30 Jahren ist das seine letzte Saison. Er übergibt die Leitung der Hütte an seine Tochter Tabea. So wie er sie vor 30 Jahren von seinem Vater übernommen hast. Es ist halt, wie so vieles im Tal, Familientradition. Florian erzählt, dass erst gestern gejagt wurde und sich die Steinböcke vermutlich deshalb von ihrer scheuen Seite zeigen. Verständlich. Mit der gezielten, geplanten Jagd soll die Population des Steinwilds eingedämmt werden, damit sie das ebenfalls heimische Gamswild nicht verdrängen.

Hütten-Tappas zur Belohnung auf der Rüsselsheimer Hütte
Hütten-Tappas zur Belohnung auf der Rüsselsheimer Hütte

Nach einem anregenden Gespräch und leckeren Hütten-Tappas, bei denen neben Spinatknödel und Kassspatzen auch der Tiroler Speck und Carpaccio vom Steinbock nicht fehlen darf, geht es mit Benedikt wieder zurück ins Tal. Dort endet die Tour zwar ohne Steinbocksichtung, dafür mit herrlichen Panoramen im Gepäck. Und mit der Gewissheit, dass es nicht der letzte Besuch in dieser ursprünglichen und wilden Naturlandschaft, im Reich der Steinböcke war.

Das kleine Kreuz am Aussichtspunkt Gahwinden
Das kleine Kreuz am Aussichtspunkt Gahwinden

 

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