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Grenzerfahrung – Grenzgänger in 2 Tagen

Dies ist die Geschichte einer Erfahrung, die mich für immer begleiten wird: die Begehung des Grenzgänger-Weitwanderwegs in 2 Tagen.

Wie alles begann

Die Idee zu dieser Tour hatte ich auf einer Wanderung zur Zipfelsalpe. Nachdem ich den Grenzgänger im vergangenen Jahr bereits in Einzeletappen und auch in einer Kombination der 4. und 5. Etappe absolviert hatte, schien es in diesem Jahr nichts mit einer Begehung zu werden. Zu diesem Zeitpunkt war nicht abzusehen, ob die Hütten auf dem Grenzgänger in diesem Jahr öffnen würden. So blieben also nur Einzeletappen vom Tal aus. Oder eben eine lange Tour von Nord nach Süd mit einer Übernachtung in Hinterhornbach. Der Rückweg dann am Folgetag.

Unser „Training“, wenn man das als solches bezeichnen möchte, bestand im Wesentlichen in dem, was wir immer tun. Wir sind einfach in die Berge gegangen oder auf das Bike gestiegen. Mit der Geburt der Idee zu diesem Lauf hatten wir einfach „Bock“ ihn zu meistern. Die Vorfreude und Motivation auf dieses Erlebnis war größer als der Gedanke über Schmerzen oder Scheitern.

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Ist das überhaupt zu schaffen?

Natürlich haben wir uns auch mit dem Scheitern auseinandergesetzt. Auf einer Tour von über 80 Kilometer Länge und über 5500 Höhenmetern bergauf und bergab kann so einiges passieren. Die einzelnen Streckenabschnitte waren aus dem vergangenen Jahr bereits bekannt. Die Notabstiege im Fall eines Wetterumschwungs oder einer Verletzung standen fest. Die zeitliche Planung war eher defensiv und mit genügend Puffer ausgelegt. Wir wussten, wenn wir nicht zu einer bestimmten Zeit am Prinz-Luitpold-Haus eintreffen sollten, dann macht ein Weiterweg keinen Sinn. Dann muss die Vernunft siegen und die Tour abgebrochen werden. Ein Abbruch aufgrund der Vernunft war für uns also immer eine Option.

Wir sind also keineswegs blauäugig an das Projekt herangegangen und hatten alle Eventualitäten, inklusive dem Wetter, bedacht. Aber über den Verlauf unserer 2-Tagestour waren wir am Ende selbst überrascht.

Geplant, gepackt, bereit
Geplant, gepackt, bereit

Doch ist diese Tour überhaupt möglich? Als Hobbysportler? Fasziniert von dieser Idee ging es an die Planung. Die Zeiten meiner letztjährigen Touren dienten als Referenz. Dazu kamen Informationen aus dem Tourenplaner komoot. So, und mit genügend Puffer, ergab sich schließlich die Startzeit für Schattwald. Die Ausrüstung war schnell zusammengestellt. Leicht musste sie sein. Daher entschieden wir uns für Laufrucksäcke, ein Wechselshirt und eine Wind-Regenjacke. Bei den Schuhen haben wir auf Bergschuhe mit hohem Schaft zurückgegriffen und uns für die TXS GTX von La Sportiva entschieden. Die perfekte Wahl für eine schnelle Wanderung mit bestem Griff und Schutz im Fels.

Wenn Ungeduld Vorfreude ist

Schon die Tage vor dem Start waren von einer gewissen inneren Spannung geprägt. Immer das Wetter im Blick, das den größten Unsicherheitsfaktor darstellte, rückte die Tour immer näher. In der letzten Nacht war an Schlaf kaum zu denken. 3 Stunden werden es dann letztlich schon gewesen sein.

Am 22. Juli 2020 ging es dann um 3:15 Uhr endlich los.

Tag 1: von Schattwald nach Hinterhornbach

Der Vorabend hatte nochmals Regen im Gepäck. Jetzt, um drei Uhr morgens, war es trocken. Lediglich auf den Alpwiesen und an den Bäumen glitzerten noch die Wassertropfen im Schein unserer Stirnlampen. Die mäßige Steigung zu Beginn ließ ein solides Tempo zu. Herrlich zum eingewöhnen. Den gesamten Weg zum ersten Gipfel säumten unzählige Bergmännchen unseren Weg. So viele hatte ich seit Jahren nicht mehr gesehen. Im dunklen Weit der Landschaft blinzelten immer wieder Augen auf. Vermutlich Füchse. Weiter oben eventuell sogar Gemsen.

4:35 Uhr – der erste Gipfel ist erreicht

Mit Einbruch der Dämmerung haben wir schließlich den Bschiesser erreicht und der vor uns liegende Weg zeichnete sich immer deutlicher vom Nachthimmel ab. Am Ponten vorbei ging es weiter zum Zierleseck und hinunter zur Willersalpe. Ganz im Süden hob sich der mächtige Hochvogel deutlicher vom noch dunkelgrauen Himmel ab und markierte in unerreichbar scheinender Entfernung unseren südlichen Wendepunkt.

Die ersten Sonnenstrahlen am Vilsalpsee
Die ersten Sonnenstrahlen am Vilsalpsee

8:00 Uhr am Schrecksee

Der Aufstieg zur Vorderen Schafwanne ging überraschend einfach. Gut, wenn man sich auf eine größere Tortur eingestellt hat. Unten am Vilsalpsee brachen die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Die zeigte, im Gegensatz zu uns, erste Verschleißerscheinungen und Lücken. Der einmalig schöne Schrecksee rückte näher. Gleich nach dem erneuten Aufstieg zu Hinteren Schafwanne. Immer wieder ein beeindruckendes Erlebnis auf diesen See inmitten der Allgäuer Hochalpen zuzulaufen.

Zwischen Vorderer und Hinterer Schafwanne
Zwischen Vorderer und Hinterer Schafwanne

9:22 Uhr – unterm Schänzle

Der Jubiläumsweg zwischen Lahnerscharte und dem Aufstieg zur Bockkarscharte war ein purer Genuss! Ohne großen Höhenunterschied, vorbei an zig Gemsrudeln, der herrlichen Felskulisse unterm Schänzle und über die Lärchwand rückte der Hochvogel näher und näher. Die Wolkendecke hatte sich großteils aufgelöst. Lediglich der Gipfel des „Königs“ versteckte sich noch ein wenig. Die letzte Hürde zum Prinz-Luitpold-Haus, die Bockkarscharte, lag schließlich hinter uns.

Auf dem Jubiläumsweg
Auf dem Jubiläumsweg

11:15 Uhr – Auftanken

Der Zwischenstopp auf dem Alpenvereinshaus der Sektion Allgäu-Immenstadt war mehr als im Zeitplan. Und die willkommene Möglichkeit die bis dahin verbrauchten 2,5 Liter Flüssigkeit wieder aufzufüllen und zusätzlich noch ein Getränk auf der Terrasse zu sich zunehmen. Dem Abstieg ins Gries folgte der erneute Aufstieg zum Himmelecksattel. Begleitet von neugierigen Murmeltieren und einem kurzen Nieselregen ging es hinauf. Der auffrischende Wind und die erneut dichter werdende Wolkendecke bildeten die perfekte Kulisse für den sensationellen Blick auf die „gotische Kathedrale“ der Allgäuer Berge: die steil aufragende Höfats.

Am Himmelecksattel
Am Himmelecksattel

14:58 Uhr – nur noch bergab

Die einmalige Kulisse leitete uns zum Brunnen der Wildenfeldalpe wo ein weiterer Liter Wasser in den Soft-Flaschen des Rucksacks verschwand. Der letzte Aufstieg des Tages stand an: das Hornbachjoch. Das stark verblockte Gebiet kurz nach dem Abzweig zum Eissee stoppte den schnelleren Gang für einige Minuten. Als wollte uns die Sonne für den finalen Anstieg anfeuern, brach sie abermals durch die zuvor noch dunkelgraue Wolkendecke. Und dann war es geschafft.

Blick Richtung Hinterhornbach und den Hochvogel, rechts der Kanzberg
Blick Richtung Hinterhornbach und den Hochvogel, rechts der Kanzberg

17:30 Uhr – das Tagesziel ist erreicht

Es wäre gelogen, wären die etwa 1000 Höhenmeter im Abstieg nach Hinterhornbach nicht von dem ein oder anderen Zwicken in den Knien begleitet gewesen. Aber die Vorfreude auf ein frisch Gezapftes, ein ausgiebiges Abendessen und auf eine erfrischende Dusche gab noch einmal ein wenig Schub. Mit einem zufriedenen Lächeln ging es viele Stunden später schließlich ins Bett.

Tag 2: über Hinterstein nach Schattwald

8:30 Uhr – ausgeschlafen und immer noch motiviert

Perfektes Bergwetter ist für eine lange Tour manchmal gar nicht so gut. Der zweite Tag zeigte sich aber eben mit jenem perfekten Bergwetter. Ein strahlend blauer Himmel zeigte uns den Weg durch den Wald hinauf zur Schwabegghütte. Der Vortag hatte durchaus Wirkung erzielt.

Der Kopf wollte mehr, der Körper aber schlief noch ein wenig. Und so ging es langsamer, aber immer voll im Zeitplan nach oben.

Aufstieg zum Fuchsensattel
Aufstieg zum Fuchsensattel

10:39 Uhr – beeindruckend und bedrohlich

Am Fuchsensattel zog wieder ein scharfer Wind auf. Passend zur beeindruckend und bedrohlichen Nordwand des Hochvogels. Wie bei meinem letztjährigen Besuch empfand ich auch diesmal diesen Wegabschnitt des Grenzgängers als den schönsten. Regulär die 5. Etappe. Der Salzboden ist einer der schönsten Orte der gesamten Tour.

11:09 Uhr – der schönste Ort der Tour ist erreicht

Das Rauschen des Schmelzwassers, das sich unter den Schotterfeldern aus dem Kalten Winkel nach unten seinen Weg bahnt ist laut und kräftig. Urplötzlich, nach einem großen Felsbrocken, wird es still. Kleine Bäche und Tümpel. Grüne Wiesen, teils unter Wasser, teils ist das Wasser schon versickert. Zarte Blumen wachsen auf den Ebenen, sandig-lehmigen Flächen.

Aufstieg aus dem Salzboden
Aufstieg aus dem Salzboden

12:45 Uhr – Prinz-Luitpold-Haus zum Zweiten

Von diesem Ort der Ruhe und der Kraft will man gar nicht mehr weg. Es lag aber noch ein gutes Stück des Weges vor uns. Und so ging es wieder in das Felsenreich zwischen Hochvogel und Balkenscharte, bevor es erneut hinunter zum Prinz-Luitpold-Haus ging. Schnell noch einen Liter Wasser nachgefüllt und weiter hinunter ins Bärgündele.

15:02 Uhr – wasserdicht gilt bei Schuhen auch von Innen nach Außen

 

Am Prinz-Luitpold-Haus
Am Prinz-Luitpold-Haus

Unweit der Talsohle hatten wir vor zwei Tagen unsere Fahrräder abgestellt. So war das Giebelhaus und Hinterstein schnell erreicht. Schneller jedoch als wir war der ergiebige Regenschauer. Zunächst noch guter Hoffnung dem warmen Sommerregen zu entkommen, stellte sich die Entscheidung nicht zu warten als die falsche dar. Durchnässt von oben bis unten, mit kleinen Tümpeln in den Bergschuhen, stand schmatzenden Schrittes das große Finale auf dem Plan.

Vorbei an den großen Wasserfällen des Zipfelsbachs zog sich der schmale Waldweg hinauf in das Gebiet der Zipfelsalpe. Während uns am Vortag gerade einmal 6 Personen, und heute bis zum Prinz-Luitpold-Haus lediglich 5 Personen begegneten, waren es seit verlassen der Alpenvereinshütte deutlich mehr. So auch hier im Aufstieg.

Aufstieg über die Zipfelsfälle
Aufstieg über die Zipfelsfälle

16:45 Uhr – noch einmal Flüssigkeit tanken – kurze Pause

So quälend der ein oder andere Schritt bergab bis hierher war, so überraschend leicht ging es hinauf zur Alpe und einem wunderbar erfrischenden Getränk. Die immer noch durchnässten Socken nochmals ausgewringt, die Füße einmal mehr in der nur wieder alles beherrschenden Sonne getrocknet, und weiter. Das Ziel vor Augen kann noch einmal extra motivieren. Der mäßig steile Weg hinauf zum Iseler lud aber auch zu einem Zwischenspurt ein. Vielmehr ein Endspurt.

17:33 Uhr – auf dem Gipfel der Gefühle

Der Iseler
Der Iseler

Vollkommen einsam, in leichtem Auf und Ab hinüber zum Kühgundkopf. Dann nur noch hinunter ins Tal. Bereits vor Beginn der Tour war klar, dass nach den bis hierher zurückgelegte 75 Kilometern ein Abstieg auf dem Normalweg zur Bergstation der Wannenjochbahn folgen würde. Und dann war es soweit. 2 Stunden nach der Zipfelsalpe und 10,5 Stunden nach Beginn der heutigen Tour war der Ausgangspunkt des Abenteuers wieder erreicht. Schattwald.

24 Stunden in Bewegung. 80 Kilometer. Gut 5500 Höhenmeter im Auf- und Abstieg. 1 Millionen Glücksgefühle und mindestens genauso viele bleibende Erinnerungen im Kopf!


Übrigens: unsere Tour war nie auf Zeit ausgelegt. Wir sind weder Wettkämpfer, noch haben wir je einen Ultra-Trail oder gar den Trans Alpine Run bestritten. Mein längstes Rennen das ich jemals absolviert habe war ein Viertel-Marathon. Flach um den Grüntensee. Wir hatten für diese Tour auch keine sonderlich große Vorbereitung als sonst. Ich würde die Tour eher als Speed-Hiking denn als Trailrun oder Berglauf bezeichnen.

Aber!  Auch ein Trailauf „am Stück“ über den Grenzgänger ist möglich! Kaum zu glauben, aber ich habe nach unserer Tour erfahren: das wurde bereits probiert und erfolgreich absolviert! Eine Wahnsinns-Leistung! Wer sich diese Abenteuer mal ansehen möchte, kann das auf YouTube tun.


Unsere Ausrüstung auf diesem Abenteuer

Unser Fazit

Den Grenzgänger an 2 Tagen kann man machen. Den Grenzgänger an 6 Tagen muss man unbedingt erlebt haben.

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